Ebenfalls vor zwanzig Jahren erfolgte die Einweihung des Gedenksteins auf dem Moskauer Donskoje Friedhof. Aus diesem Anlass laden wir Sie herzlich zur Präsentation der neuen Online-Ausstellung »Erschossen in Moskau« – donskoje.ffdigitalservices.com/ ein.

  • Prof. Dr. Irina Scherbakowa, Zukunft Memorial e. V.
  • Dr. Bert Pampel, Stiftung Sächsische Gedenkstätten
  • Dr. Maria Nooke, Aufarbeitungsbeauftragte des Landes Brandenburg (LAkD)
  • Frank Drauschke, Facts & Files
  • Ute Görge-Waterstraat, Angehörige

Die Veranstaltung war eine Kooperation zwischen Facts & Files, der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Zukunft Memorial e. V. und der Beauftragten des Landes Brandenburg zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur.

»Erschossen in Moskau« – Geschichte, Forschung und Erinnerung

Dr. Bert Pampel, Stiftung Sächsische Gedenkstätte

Sehr geehrte Frau Kaminsky, sehr geehrte Frau Nooke, sehr geehrter Herr Drauschke, meine sehr verehrten Damen und Herren,

Ich bin sehr gern der Bitte der Veranstalter gefolgt, mir anlässlich dieses Jubiläums einige Gedanken zu „Geschichte, Forschung und Erinnerung“ zu machen. Erwartet wird bei solchen Anlässen in der Regel dreierlei: eine Würdigung, eine historische Einordnung und ein aktueller Bezug. Ich denke, diese Erwartungen kann ich erfüllen. Meine Rolle dabei ist zum einen diejenige eines Forschers, der sich seit Mitte der 1990er-Jahre mit sowjetischen Speziallagern und Militärtribunalen befasst hat. Zum anderen war und bin ich durch verschiedene Projekte an der Formung des kulturellen Gedächtnisses zu diesen Themen beteiligt. So viel an dieser Stelle zum Verständnis meiner Perspektive. …

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Die Würdigung fällt nicht schwer. Eine besondere öffentliche Wertschätzung zeigt sich bereits darin, dass es kaum ein anderes Buch im Themenfeld zu vier Auflagen in 15 Jahren geschafft hat, einschließlich einer maßgeblich erweiterten Auflage. Vor der Leistung, das Material zu fast 1 000 Menschen in deutschen und russischen Archiven zu sichten, gründlich aufzubereiten und in Form von Kurzbiografien niederzuschreiben, empfinde ich großen Respekt. Das Buch ist trotz des Fortgangs der Forschung ein unverzichtbares Nachschlagewerk geblieben, an dem man nicht vorbeikommt. Dazu trägt seine konzeptionelle Anlage als sachliche Dokumentation maßgeblich bei.

Dieser Erfolg wurde durch eine vorbildliche deutsch-russische Kooperation ermöglicht. An ihr waren Forscher, Angehörige, Gedenkstätten, Aufarbeitungsinitiativen, Archive, Politiker und Institutionen beteiligt. Insbesondere Andreas Hilger und Nikita Petrow haben mit ihren Vorarbeiten das wissenschaftliche Fundament gelegt. Memorial regte im Zuge von Recherchen zu den sowjetischen und ausländischen Opfern des Stalinismus auf dem Donskoje-Friedhof das Projekt an. Memorial-Mitarbeiter führten die Recherchen in den russischen Archiven durch. Die damals noch bestehende Aufgeschlossenheit des Zentralarchivs des FSB führt uns den autoritären Wandel vor Augen, der sich seitdem in Russland vollzogen hat. Diejenigen, die vor 20 Jahren im FSB-Archiv zu politisch Verfolgten recherchierten, werden dort inzwischen selbst politisch verfolgt.

Das Buch sowie die Ausstellung erfuhren immense öffentliche Resonanz. Viele Leser, Hörer und Besucher erfuhren erstmals, dass Deutsche noch nach 1950 in Moskau im Zuge von Verfahren vor sowjetischen Militärgerichten erschossen worden waren. In überregionalen und regionalen Medien erschienen zahlreiche Beiträge, oft verbunden mit der Vorstellung einschlägiger lokaler Verfolgtenbiografien. Für Berlin, Sachsen und Sachsen-Anhalt wurden inhaltlich erweiterte Sonderauflagen mit den Biografien der Hingerichteten aus den betreffenden Bundesländern herausgegeben. Das Projekt inspirierte die Herausgabe einer ähnlichen Dokumentation für die in Moskau erschossenen Österreicher, die 2009 unter dem Titel „Stalins letzte Opfer“ erschien.

Das Projekt und die Berichterstattung lösten lokale Initiativen aus, dauerhaft an die Erschossenen zu erinnern. So errichtete die Freie Universität Berlin 2007 eine Bronzeskulptur zum Gedenken der in Moskau erschossenen ehemaligen Studenten auf ihrem Campus. An den Universitäten Halle-Wittenberg und Leipzig entstanden Online-Gedenkbücher für verfolgte Studenten. In Leipzig haben sich die „Belter-Dialoge“, eine gemeinsame Veranstaltung von Konrad-Adenauer-Stiftung und dem Universitätsarchiv Leipzig, etabliert. Sie erinnern an den in Moskau erschossenen Studenten Herbert Belter und seine Mitstreiter. Lokale Denkmale zur Erinnerung an in Moskau erschossene Jugendliche entstanden unter anderem in Werder an der Havel und in Altenburg. Seit einigen Jahren hat sich das Memorial-Projekt „Die letzte Adresse“, bei dem Informationstafeln an der letzten Wohnadresse von Verfolgten angebracht werden, auch in Deutschland verbreitet. Das heute zu würdigende Projekt dient dabei sehr oft als Ausgangspunkt und Anstoß für örtliche Initiativen und weitere Recherchen. Nicht zuletzt können dank der damaligen Forschungen anlässlich des russischen Gedenktages für die Opfer politischer Repressionen alljährlich am 30. Oktober die Namen der Opfer öffentlich verlesen werden.

Für die weitere Forschung zur sowjetischen Militärjustiz und insbesondere zu deren Todesurteilen wirkte das Projekt als Katalysator. So befasste sich ein in Dresden angesiedeltes und von der Bundesstiftung Aufarbeitung gefördertes Projekt mit den SMT-Todesurteilen gegen deutsche Zivilisten zwischen 1945 und 1947. Es erscheint in diesem Jahr in einer zweiten, erweiterten und korrigierten Auflage. Des Weiteren wurden detaillierte biografische Einzelstudien angeregt. Zu Arno Esch und seiner Gruppe erschien eine glänzende Biografie von Natalja Jeske. Klaus-Rüdiger Mai veröffentlichte eine gut lesbare Darstellung der Leipziger Belter-Gruppe. In der Dokumentationsstelle Dresden haben wir ebenfalls einige Lebensläufe detailliert aufbereitet, darunter dasjenige des Münchner Kommunisten und KZ-Häftlings Albert Stegerer (FAZ-Artikel liegt bereit). Auf der Website smt-dresden.de sind zwölf Gnadengesuche von in Dresden zum Tode Verurteilten kommentiert veröffentlicht, darunter die von Herbert Belter und Albert Stegerer. Die Gnadengesuche sind eine schwierige und zugleich oft ergiebige Quelle, gerade im Hinblick auf die individuellen Handlungsmotive und die tatsächlichen Aktivitäten der Verurteilten.

Die Forschung der vergangenen 20 Jahre hat die wesentlichen Ergebnisse des Donskoje-Projekts überwiegend bestätigt, hier und da um neue Informationen und Perspektiven ergänzt sowie in Details korrigiert. In einigen Fällen konnten noch unbekannten Gerichtsorte aufgeklärt werden. Tiefergehende biografische Recherchen erhellten die Lebensläufe und die Verstrickung einzelner während der NS-Diktatur. Andere Untersuchungen lassen den Spionagevorwurf in neuem Licht erscheinen. Das geringfügig wirkende Notieren der Kennzeichen sowjetischer Militärfahrzeuge stellt sich nach neuen Forschungen zu amerikanischen und deutschen Nachrichtendiensten als nicht unbedeutende und durchaus zeitgemäße Technik von Militärspionage dar. Gleiches gilt auch für das Zählen von Waggons mit Uranerz durch später verurteilte Angestellte bei der Reichsbahn. Biografische Einzelstudien offenbaren darüber hinaus erschütternde Details vieler Fälle. So sagte im Verfahren gegen Werner Schneider seine Ehefrau als Zeugin gegen ihn aus, wobei dessen Beziehung zu einer anderen Frau eine Rolle gespielt haben könnte. Schneiders Mutter musste die Verkündung des Todesurteils gegen ihren Sohn mit anhören, da sie in derselben Verhandlung zu 25 Jahren „Besserungsarbeitslager“ verurteilt wurde. Inge Müller, Witwe und Mutter einer vierjährigen Tochter, war zunächst zu 25 Jahren Besserungsarbeitslager verurteilt worden. Sie verbüßte ihre Strafe in der Strafvollzugsanstalt Waldheim. Aus noch nicht vollständig aufgeklärten Gründen wurde sie von dort abgeholt, in einem Revisionsprozess wegen Spionage für einen französischen Nachrichtendienst zum Tode verurteilt und in Moskau hingerichtet. Ihre Eltern fragten in Waldheim nach, warum sie keine Post ihrer Tochter von dort mehr erhielten, bekamen jedoch nur eine ausweichende Antwort. Später, ihre Tochter war schon tot, fragte die Leitung des Gefängnisses beim Vater an, ob er nicht wüsste, wo seine Tochter sei, die Anstalt habe keine Kenntnis davon. Die Tochter von Inge Müller erfuhr erst vor drei Jahren durch die Dokumentationsstelle Dresden vom furchtbaren Ende ihrer Mutter.

Die immense Bedeutung des Projekts für Angehörige und deren Familien wird jeder bestätigen, der mit ihnen zu tun gehabt hat. Vor einigen Jahren war die Tochter des erschossenen Architekten Gerhard Lindner, die nach dem frühen Tod von dessen junger Ehefrau als Vollwaise bei Verwandten aufwuchs, bei mir. Sie berichtete, sie sei bis zur Erstveröffentlichung von „Erschossen in Moskau“ in dem ihr vermittelten Glauben aufgewachsen, ihr Vater habe seine Frau und seine Familie für eine andere Frau verlassen. Während Archivrecherchen in Moskau konnte ich für einige Angehörige Fotografien vom Mahnmal auf dem Donskoje-Friedhof und von der dortigen namentlichen Nennung der Erschossenen anfertigen, die für sie außerordentlich wichtig waren.

Auch 20 Jahre nach der Erstveröffentlichung gibt es eine Reihe unbeantworteter Fragen. Angesichts des begrenzten Zugangs zu den Ermittlungsakten, aber auch zu Unterlagen westlicher Dienste, liegen die Motive der Verurteilten sowie die konkreten Tatvorwürfe und Aktivitäten nach wie vor oft im Dunkeln. Insbesondere über die verurteilten Frauen, deren Anteil bei den Erschossenen bei etwa sechs Prozent liegt, wissen wir nur wenig. Mehr Aufmerksamkeit verdienen auch die etwa zehn Prozent der zum Tode Verurteilten, die anschließend begnadigt worden sind. Wie prägte die Begnadigung ihr weiteres Leben? Welche Fragen stellten sie sich in schlaflosen Nächten?

Die Bedeutung des Projekts für unser Bild von der sowjetischen Besatzung und von der DDR ist gerade angesichts differenzierender Akzentverschiebungen in den letzten Jahren nicht zu unterschätzen. Neue Erkenntnisse über die Verurteilung von NS- und Kriegsverbrechern durch die sowjetische Militärjustiz und über den tatsächlichen Umfang westlicher Spionageaktivitäten veränderten die Gewichtung im wissenschaftlichen Diskurs. Demgegenüber dokumentiert das Donskoje-Projekt nach wie vor unabweisbar Widerstand und Opposition gegen die Durchsetzung der kommunistischen Diktatur zu Beginn der DDR. Die im Buch porträtierten Verurteilten waren nicht „Opfer einer Gewaltgeschichte des Kalten Krieges“, wie Ronny Heidenreich jüngst in seiner Rezension eines anderen aktuellen Buches schrieb. Sie bleiben primär Opfer eines unmenschlichen politischen Systems, das elementare Menschenrechte verletzte und seine Kritiker und Gegner als „feindliche Elemente“ gnadenlos verfolgte. Diese Praxis war einer der Tropfen, die am 17. Juni 1953 das Fass zum Überlaufen brachten.

Schon vor 20 Jahren, als der FSB noch sein Archiv für die historische Aufklärung zur Verfügung stellte, waren bereits Anzeichen für das Erstarken autoritärer Kräfte in Russland erkennbar. Alexej Nawalny schreibt in seinen Erinnerungen über das Jahr 2005, offene politische Debatten hätten bereits wieder der Vergangenheit angehört: „Systematisch und Tag für Tag beraubte der Kreml die russischen Bürger einer Freiheit, die sie eben erst gewonnen hatten, und die Zensur kehrte zurück. Jede politische Talkshow musste sich an eine Schwarze Liste von Personen halten, die nicht eingeladen werden durften …“ Eine Fußnote im Vorwort zur 1. Auflage des Totenbuches von 2005 verweist darauf, dass sich die Praxis der Rehabilitierung von Opfern politischer Repressionen in Russland ändere. Inzwischen werden Rehabilitierungen der 1990er-Jahre für ungültig erklärt und Tafeln des Projekts „Die letzte Adresse“ wieder abmontiert. Das Russische Staatsarchiv in Moskau, das uns noch vor zwei Jahren die Genehmigung zur Veröffentlichung von Gnadengesuchen erteilte, erklärte im vergangenen Jahr Kopien würden nicht mehr angefertigt, da die Zusammenarbeit aufgrund einer Anordnung der Föderalen Archivagentur ausgesetzt sei. Die staatlicherseits nur halbherzig betriebene „Entlarvung des Stalinismus“, die Andrej Sacharow 1968 forderte, hat sich inzwischen in eine offene Verherrlichung gewandelt. Vor zwei Monaten wurde an der Moskauer Metrostation Taganskaja ein Relief mit der Darstellung Stalins in Lebensgröße enthüllt. Es handelt sich um eine Nachbildung der Skulptur mit dem Titel „Dankbarkeit des Volkes gegenüber dem Führer und Feldherrn“, die 1966 im Zuge der Entstalinisierung und der Bekämpfung des Personenkults entfernt worden war. Gestern wurde der Antrag der Partei „Jabloko“ auf eine Protestkundgebung unter der Begründung einer Verhinderung der Ausbreitung des Corona-Virus abgelehnt.

Was können wir dem entgegensetzen? Zum einen nicht nachlassende Anstrengungen in der Ermittlung und der Vermittlung der historischen Tatsachen, und das auf allen analogen und digitalen Kanälen. Etwa indem gedruckte Informationen digital zugänglich gemacht werden wie bei der digitalen Version des Totenbuchs, die seit dem vergangenen Jahr unter donskoje.ffdigitalservices.com/ online ist. Dazu gehört auch die heute vorzustellende Online-Version der Ausstellung zum Thema. Zur Vermittlung gehört neben der Erinnerung an menschlichen Tragödien und Leid auch, dass wir Zeugnisse menschlicher Größe und Würde im Gedächtnis bewahren. So bat der Dresdner Heinz Domaschke in seinem Gnadengesuch nicht um Gnade für sich selbst, sondern für seine Mitverurteilten. Einer von ihnen, der erst 18-jährige Manfred Günther, wurde tatsächlich begnadigt, überlebte Workuta, und wurde 1955 entlassen.

Eine andere Möglichkeit besteht darin, die mutigen Worte derjenigen zu verbreiten, die heute gegen das Putin-Regime ihre Stimme erheben. Nicht wenige von ihnen, wie Juri Alexejewitsch Dmitrijew hatten über stalinistische Verbrechen aufgeklärt. Uta Gerlant gab im vergangenen Jahr für Memorial Deutschland einige sogenannte letzte Worte politisch Angeklagter vor Gericht in Russland heraus. Ich möchte abschließend daraus Swetlana Prokopjewa zitieren, die vor fünf Jahren von einem Militärgericht verurteilt worden ist. „Ich habe keine Angst, den Staat zu kritisieren. Ich habe keine Angst, die Strafverfolgungsbehörden zu kritisieren (…) Denn ich weiß, dass es wirklich beängstigend wird, wenn ich es nicht sage, wenn es niemand sagt. (…) Je mehr Ideen wir diskutieren und je breiter das Spektrum der Meinungen ist, desto leichter kann die Gesellschaft richtige Entscheidungen treffen und einen optimalen Entwicklungsweg wählen. Umso leichter lässt sich eine neue humanitäre Katastrophe verhindern, gegen die die Menschheit nicht gefeit ist.“

Diese Einsicht gilt nicht nur für Russland, sondern immer und überall.


Umschlagtitel, 3. Auflage, 2008

Erschossen in Moskau…

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